Einführung: Was Subtext im Filmschauspiel wirklich bedeutet

 

Im Filmschauspiel sprechen viele über „Subtext“, doch selten wird präzise beschrieben, was damit gemeint ist. Jede Szene besitzt zwei Ebenen: Die sichtbare, inhaltliche Ebene – das, was gesagt und getan wird. Und die unsichtbare Bedeutungsebene – das, was unter dem Gesagten wirkt und eine Szene eigentlich trägt.

Die sichtbare Ebene umfasst Text, Information und Handlung.
Die unsichtbare Ebene umfasst alles, was nicht ausgesprochen wird, aber jede Szene bestimmt: Beziehung, Motivation, Need, Wunde, Maske, taktisches Verhalten, Vermeidung, Risiko, Schweigen, innere Entscheidungen, Tonfall, Blickverhalten, körperliche Mikrohandlungen und das Unbewusste (der Figuren).

Um diese Ebenen verständlich zu machen, wird oft das Eisbergmodell verwendet – allerdings nur dann sinnvoll, wenn es präzise angewendet wird. Oberhalb der Wasserlinie liegt die Inhaltsebene: Information, Handlung, Sachverhalte. Unterhalb der Wasserlinie liegt alles, was Bedeutung trägt, aber nicht explizit gesagt oder gezeigt wird – jedoch von Zuschauer:innen gespürt oder interpretiert werden kann. Zum Beispiel die Wunde einer Figur oder seine geheimen Ziele.

Wichtig ist: Subtext gehört nicht zur inhaltlichen Ebene des Textes, sondern zur Bedeutungsebene dahinter – und diese kann unsichtbar (innerer Vorgang), aber auch sichtbar (Verhalten, Blick, Tonfall, Handlung) erscheinen.

Entscheidend ist: Subtext erklärt, warum ein Verhalten, eine Handlung, eine Emotion, eine Gespräch, eine Bewegung gezeigt oder vermieden wird. 

Genau deshalb ist Subtext eines der zentralen Werkzeuge im Filmschauspiel – für Schauspieler:innen, Regie und Drehbuch.

Woraus Subtext entsteht

Subtext kann in jeder Zeile entstehen. Oft wird er durch eine Handlung, eine Körperreaktion oder eine Art und Weise, wie etwas getan wird, sichtbar. Subtext ist NICHT identisch mit einer „unsichtbaren Ebene“ – Subtext entsteht überall dort, wo die tiefere Wahrheit der Figur wirkt, unabhängig davon, ob sie sichtbar, hörbar oder rein innerlich bleibt.

Subtext ist also kein „unterdrückter“ oder ausschließlich innerer Vorgang, sondern die Bedeutung, die unter der offensichtlichen Ebene von Text, Verhalten und Handlung arbeitet – in dem, was gesagt oder nicht gesagt wird, was gezeigt oder vermieden wird und was sich sowohl innerlich als auch im sichtbaren Verhalten manifestiert.

Subtext ist keine mystische Kraft, sondern etwas klar Analysierbares, klar Herleitbares, klar Spielbares und filmisch Beobachtbares.
Er entsteht aus Analyse, Vorbereitung, innerer Arbeit, Beziehungsdefinition, Zielklarheit und psychologischer Präzision – und wird vor der Kamera sichtbar, weil Körper, Stimme, Verhalten und Reaktionsmuster Bedeutung tragen.

Drei wichtige Ebenen des Subtexts für Schauspieler:innen

Um professionell mit Subtext zu arbeiten, müssen Schauspieler:innen drei Ebenen unterscheiden:

1. Autorenseitiger Subtext
Alles, was im Drehbuch bereits angelegt ist: dramaturgische Positionen, Wissensstände, Geheimnisse, Verhalten und Bewegungen der Figuren, Konflikte und Bedeutungsebenen, die im Text und zwischen den Zeilen liegen.

2. Interpretierter Subtext
Der Subtext, der durch Drehbuchanalyse, Biografiearbeit und Figurenanalyse entsteht. Dazu gehören Motivationen, Backstory, Beziehungsgeschichte und Modelle wie die Susan-Batson-Technik (Public Persona – Need – Tragic Flaw).

3. Schauspielerisch erzeugter Subtext
Der Subtext, der durch das Spiel entsteht: innere Bilder, Ziele, Wunden, innere Verbote, taktische Entscheidungen und Präzision im Verhalten. Sichtbar wird er durch Blickführung, Pausen, körperliche Reaktionen, Stimme, Nähe/Distanz, Tempo, Atmung, Verhalten und den Umgang mit Requisiten.

Intensives filmisches Portrait einer nachdenklichen Frau im Halbdunkel – Symbolbild für Subtext im Filmschauspiel & im Camera Acting, Daniel Urban Schauspielcoach München

Subtext – Unausgesprochene Wahrheit vor der Kamera

Ein Beispiel:
Wenn eine Figur fremdgegangen ist und verhindern will, dass die Partnerin etwas bemerkt, trägt jeder Satz automatisch Subtext.
Die Figur versucht zu verbergen, zu beschwichtigen oder zu überspielen – immer mit dem Ziel, das Fremdgehen zu kaschieren. Auch wenn sie die Wahrheit verbergen will, zeigt sie sich oft in Details: zu viel Nähe, übertriebene Freundlichkeit, plötzliches Kompliment-Verhalten – oder das Gegenteil: Vermeidung, stockende Bewegungen, Ausweichen, Erstarrung. Die Kamera sieht, was die Figur nicht kontrollieren kann.

Warum Subtext nur selten direkt gespielt wird

Im Filmschauspiel spielt man nicht den Subtext selbst. Gespielt werden das Ziel, die Beziehung, das Wollen, das Verbergen, die Abwehr und der innere Konflikt, der unter der Szene arbeitet. Aus genau diesen Vorgängen wird Subtext sichtbar – nicht, weil man ihn zeigt, sondern weil die Reibung zwischen gesprochenem Text und innerer Wahrheit lesbar wird.

Die Kamera registriert feinste Signale, die aus dem inneren Prozess entstehen: Stimmdruck, Zögern, ein falsches oder unpassendes Lächeln, Mikropausen, Atemverhalten, Blickverhalten, Ausweichen, überkontrollierter Text, eine zu harte oder zu weiche Stimme, Körperspannung und Mikroreaktionen. Diese Signale entstehen nicht durch „Subtext spielen“, sondern durch die Wahrheit der inneren Vorgänge.

Das ist Subtext: kein Trick und keine Technik, sondern das sichtbare Ergebnis von innerer Bewegung, Wahrheit und Verhalten.

Die Schichten des Subtexts

Damit Subtext eindeutig verstanden wird, braucht es eine klare Unterscheidung:

Der geschriebene Text ist keine Subtextebene. Aber er kann Subtext andeuten. 
Er liefert Information, Handlung und Sachinhalt.

Der gesprochene Text kann Subtext tragen.
Nicht durch die Worte selbst, sondern durch wie sie gesprochen werden – Tonfall, Pausen, Atem, Druck, Rhythmus oder ein Bruch, der verrät: Die Wahrheit stimmt nicht ganz mit dem Gesagten überein.

Subtext entsteht erst im Spannungsfeld zwischen Text, Verhalten und innerem Vorgang – niemals im Text allein.

Oberfläche: hörbare und sichtbare Ausdrucksebene (Spur des Subtexts)

Die sicht- und hörbare Ausdrucksebene ist die Oberfläche, auf der Subtext sichtbar wird. Sie zeigt nicht seinen Ursprung, sondern seine Auswirkung.

Sie umfasst:

Hörbarer Ausdruck

  • Tonfall

  • Tempo

  • Rhythmus

  • Atem

  • Stimmdruck

  • Brüche, Zögern, Ausweichen

  • das „Wie“ des Gesprochenen – nicht das „Was“

Sichtbarer Ausdruck

  • Körperverhalten: Spannung, Lockerheit, Erstarrung

  • Bewegung: Annäherung, Rückzug, Abwenden, zu viel Nähe, Flucht

  • Nähe/Distanz zum Gegenüber

  • Blickverhalten: Halten, Vermeiden, Suchen, Wegschneiden

  • Doings: Beschäftigung mit Dingen, Übersprungshandlungen, Genauigkeit oder Überkontrolle

  • Mikroreaktionen: kurze Impulse, die gegen die Maske arbeiten

  • Timing: zu schnell, zu kontrolliert, zu weich, zu hart

Diese Ebene ist das, was Zuschauer und Kamera wahrnehmen – aber nicht die Ursache. Sie ist die sichtbare Spur des Subtexts.

Die eigentlichen Subtext-Tiefen (Ursprung des Subtexts)

Unter der Oberfläche liegen die psychologischen Schichten der Figur, die Subtext wirklich erzeugen:

Beziehung –Die Art, wie ich dich sehe, wie ich zu dir stehe, was ich von dir will und was unausgesprochen zwischen uns steht.
Maske – wie ich wirken will.
Abwehr – Ironie, Angriff, Coolness, Rückzug, Überkontrolle.
Need – das emotionale Grundbedürfnis (Nähe, Sicherheit, Bedeutung).
Wunde – der verletzliche Punkt (Scham, Verlust, Angst).
Innere Verbote – was nicht gesagt werden darf oder nicht gefühlt werden will.
Unbewusstes – Muster, die die Figur nicht erkennt, aber die Kamera sieht.
Systemische Dynamik – die Wechselwirkung zwischen zwei Figuren, bei der jede Handlung eine Gegenhandlung erzeugt.
Biografie & Prägungen – Bindungsmuster, Vergangenheit, Rollenmodell.

Hier entsteht Subtext tatsächlich. Die Oberfläche zeigt nur seine Symptome.

Subtext entsteht dort, wo innere Wahrheit, Text, Verhalten und Beziehungsspannung nicht deckungsgleich sind – und diese Spannung hörbar oder sichtbar wird.

Warum Text- und Inhaltsebene trotzdem erwähnt werden müssen

Weil Subtext ohne sie nicht existiert.

  • Der Text gibt den Rahmen, in dem Spannung entstehen kann.

  • Die Inhaltsebene sagt, worum es offiziell geht.

  • Der Subtext zeigt, worum es in Wirklichkeit geht.

Subtext entsteht immer erst unterhalb oder jenseits der Sach- und Inhaltsebene – aber er braucht sie als Bezugspunkt.

Schauspieler:innen im Camera Acting Coaching mit Daniel Urban – Fokus auf Subtext und filmisches Zuhören

Subtext im Drehbuch – dramaturgisch präzise

Mehrere Faktoren bestimmen den dramaturgischen Subtext einer Szene:

  • wo die Szene im Bogen steht
  • wie viel die Figur weiß
  • wie viel das Publikum wissen darf
  • was die Figur zu diesem Zeitpunkt riskieren würde
  • was sie versucht zu vermeiden
  • was sie zeigt
  • und was sie um jeden Preis schützen will

Die meisten Szenen zeigen nicht die tiefste Wahrheit einer Figur. Sie zeigen die Maske – und die Vorgänge, die hinter dieser Maske arbeiten. Der eigentliche Wesenskern einer Figur (oder Tiefencharakter) offenbart sich nicht in dem, was sie behauptet, sondern in ihren Entscheidungen, in ihren Handlungen und darin, wie sehr sie sich durch die inneren und äußeren Konflikte des Drehbuchs verändert.

Wie Subtext sichtbar wird (ohne ihn zu spielen)

Subtext wird sichtbar durch den psychologischen Kern der Figurdie innere Wahrheit, die unter allem arbeitet –, klare innere Bilder, den inneren Monolog, Zuhören, Blicke, das Ziel der Figur und die Spannung der Beziehung. Er entsteht ebenso durch Micro-Acting, Stille, innere Entscheidungen und Körperreaktionen, die einsetzen, bevor ich bewusst reagiere. Er zeigt sich auch in Bewegung, Verhalten und möglicher Tätigkeit.

Sichtbar wird er in dem, was ich verbergen will, in dem, was ich nicht mehr verbergen kann, in dem, was ich brauche – und in dem, was ich verliere oder gewinne, wenn ich mich ganz und echt zeige.

Subtext = die Spannung zwischen dem, was ich sage und tue, und dem, was ich wirklich will.

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Ein Beispiel aus einer Filmszene

INT. KÜCHE – ABEND

Die Küche ist aufgeräumt. Zu aufgeräumt.
Anna wischt die Arbeitsfläche. Mark steht am Tisch, sucht nach seinem Schlüssel.

MARK
Ich komme morgen später nach Hause.

Anna wischt weiter.

ANNA
Okay.

Mark findet den Schlüssel, dreht ihn in der Hand.

MARK
Es kann spät werden.

ANNA
Mhm.

Stille.

MARK
Soll ich anrufen?

Anna hält kurz inne. Dann wischt sie weiter.

ANNA
Nein. Ist schon okay.

Mark schaut sie an. Wartet.
Anna schaut nicht zurück.

MARK
Gut.

Er geht.
Die Tür fällt ins Schloss.

Anna bleibt stehen.
Dann wischt sie dieselbe Stelle noch einmal.

A. Sichtbare Ebene (Inhaltsebene)

Text / Handlung / Information

  • Mark kündigt an, dass er morgen später nach Hause kommt.

  • Anna bestätigt dies verbal.

  • Es findet keine offene Auseinandersetzung statt.

  • Die Szene endet ohne Klärung.

Auf der Inhaltsebene passiert fast nichts. Der Text ist funktional, sachlich, konfliktvermeidend. Genau dadurch wird er subtextfähig.

B. Unsichtbare Bedeutungsebene (Subtext)

Der Subtext liegt nicht im Text, sondern in der Nicht-Deckungsgleichheit von:

  • Gesagtem

  • Verhalten

  • innerer Wahrheit

  • Beziehungsspannung

Die Szene funktioniert, weil etwas Wesentliches nicht gesagt werden darf oder kann.

C. Schauspielerisch erzeugter Subtext (sichtbare Spur)

Der Subtext wird nicht gespielt, sondern sichtbar, durch:

Doings

  • Anna wischt weiter → Übersprungshandlung / Kontrolle / Vermeidung

  • Wiederholung derselben Bewegung → innere Spannung

Pausen

  • Stille zwischen den Sätzen kann bedeutungstragend werden

  • Pausen sind keine Emotion, sondern Entscheidungspunkte: Hier könnte etwas gesagt, gefragt oder riskiert werden – und geschieht nicht. Schauspielerisch ist hier ein starker innerer Monolog wichtig.

Blickverhalten

  • Anna schaut nicht zurück

  • Mark wartet auf Blickkontakt – bekommt ihn nicht

Timing

  • Annas Antworten kommen knapp, nicht einladend

  • Marks Zögern nach „Ist schon okay“. Das kurze Verweilen markiert den Moment, in dem etwas hätte aufbrechen können – und nicht aufbricht.

Das ist die hör- und sichtbare Ausdrucksebene – die Spur, nicht der Ursprung des Subtexts.

D. Wo der Subtext tatsächlich entsteht (Tiefe)

Der Subtext entsteht nicht:

  • in den Sätzen (und wie sie gesprochen werden) allein

  • nicht im Tonfall allein

  • nicht im Schweigen an sich

Er entsteht dort, wo:

  • innere Wahrheit ≠ gesprochener Text

  • Beziehung ≠ behauptete Normalität

  • Handlung ≠ emotionaler Zustand

Die Szene zeigt Maske und Abwehr, nicht Wahrheit. Genau dadurch wird Wahrheit spürbar. Die Wahrheit unter der Oberfläche. Subtext in dieser Szene entsteht, weil innere Wahrheit an bestimmten Stellen nicht durchgelassen wird.

E. Konkretes Beispiel des Satzes: „Ist schon okay.“

Der Satz „Ist schon okay“ bleibt gleich. Der Subtext unter diesem Satz, je nachdem wie man ihn spielt, verändert alles.

Je nachdem, welche Figur ich spiele, wo die Szene im Film steht, was mein Ziel und wie die Beziehung ist, kann der Subtext sein:

  • „Es ist nicht okay, aber ich brauche dich. Geh nicht.“
  • „Es ist nicht okay, aber ich darf es dir nicht zeigen.“
  • „Wenn ich dir die Wahrheit sage, verliere ich dich.“
  • „Ich kontrolliere die Situation. Tu, was ich sage.“
  • „Bitte widersprich mir, ich halte das nicht aus.“
  • „Ich will cool wirken, um nicht zusammenzubrechen.“
  • „Ich hoffe, du merkst, dass es nicht stimmt.“
  • „Ich hoffe, du merkst es nicht.“
  • „Ich will dich nicht verletzen.“
  • „Ich will nicht verletzt werden.“
  • „Ich schütze mich.“
  • „Ich weiß alles. Hau ab.“
  • „Ich weiß genau was du tust, aber ich will es nicht wissen.“
  • „Ich mach das gleiche wie du. Lass uns nicht darüber reden.“
  • „Ich werde es dir heimzahlen!“
  • „Ich lüge – für uns.“
  • „Ich lüge – für mich.“
  • „Ich bin so verletzt, dass ich nichts mehr zeigen kann.“

Ein und derselbe Satz kann tausende Versionen einer Szene erzeugen – mit völlig anderen Bedeutungen, anderem Verhalten, anderer Beziehung, anderem emotionalen Gewicht. Deswegen muss der Schauspieler genau das Drehbuch, seine Figur und die Szene analysieren und kennen.

Das ist Subtext: Der Text bleibt gleich – der innere Vorgang verändert die Bedeutung.

Die zentrale Aufgabe des Schauspielers

Eine Figur spielt ihren Subtext nicht. Doch der:die Schauspieler:in muss die Szene verstehen, ihre Position im Drehbuch kennen, die Beziehung definieren und das Ziel formulieren. Dazu gehört, die tiefe menschliche Wahrheit zu erkennen, zu wissen, was die Figur gewinnen oder verlieren kann, die Maske zu verstehen, die Abwehr zu spüren und die Wunde zu kennen.

Erst dann entsteht Subtext – nicht als Technik, sondern als Konsequenz innerer Wahrheit und filmischer Präzision.

Abschluss – Subtext als unsichtbares Fundament jeder Filmszene

Subtext ist keine Nebensache. Er ist die dramaturgische und psychologische Tiefenstruktur einer Szene. Er entscheidet,
was eine Figur sagt,
was sie verschweigt,
was sie riskiert,
was sie vermeidet,
wie sie sich verstellt,
in welchem Anteil sie agiert
und was sie innerlich nicht loslässt.

Schauspieler:innen lernen zu verstehen:

  • was der Text inhaltlich sagt
  • was die Figur wirklich will
  • was sie fürchtet
  • was sie schützt
  • was sie nicht sagen darf
  • was sie nicht sagen kann
  • was sie hofft, dass der andere merkt
  • was sie hofft, dass der andere nicht merkt

Subtext entsteht durch:

  • Analyse (zum Beispiel von Need, Wunde, Maske, Tragic Flaw, Beziehung, Übergeordnetes Ziel, Szenen Ziel)
  • Entscheidungen (und auch durch Wissen, Gefahr, Geheimnisse, Timing, Risiko)
  • Verhalten (auch durch Blicke, Distanz, Tempo, Umgang mit Requisiten)
  • das, was verhindert wird
  • das, was nicht erlaubt ist
  • das, was nicht ausgesprochen wird
  • das, was körperlich trotzdem reagiert

Die Wahrheit der Figur

Die Kamera interessiert sich nicht dafür, wie groß eine Emotion ist, sondern dafür, welche Wahrheit unter ihr arbeitet.

Sie interessiert sich für das, was du verbergen willst – und für das, was du nicht mehr verbergen kannst.

Wenn Schauspieler:innen lernen, unter der Oberfläche zu leben, öffnet sich ein Raum, den Zuschauer unmittelbar fühlen:

Echtheit. Spannung. Wahrheit.

Das ist die Kunst des Filmschauspiels:
das Unsichtbare sichtbar zu machen – ohne es auszustellen. Und das muss nicht nur von der Regie, sondern auch vom Schauspieler entstehen.

Worte können täuschen – Subtext nicht.
Zuschauer:innen reagieren auf das, was Menschen innerlich bewegt: auf das Unausgesprochene, das nicht kontrolliert werden kann, das durch ein Close-up sichtbar wird, noch bevor der Text ausgesprochen ist.

Deshalb ist Subtext der Kern des Filmschauspiels:
Er zeigt, wer wir sind, wenn die Fassade kurz bricht. Er zeigt, was wir wollen, was wir fürchten und was wir verlieren könnten.

Wenn eine Figur wirklich innerlich lebt, entsteht etwas, das keine Technik ersetzen kann: Menschliche Wahrheit. 

Das vollständige Subtext-Modell als PDF (alle Ebenen & Begriffe)

Subtext-Modell – Alle Ebenen & Begriffe (PDF) – Daniel Urban

nfografik zu den Ebenen des Subtexts im Filmschauspiel – sichtbare Ebene, Grenzschicht und innerer Bereich, erklärt von Schauspielcoach Daniel Urban

Sichtbare Ebene, Grenzschicht und innerer Bereich im Subtext

Wenn du diese Arbeitsweise kennenlernen oder weiter vertiefen willst, findest du auf meiner Website verschiedene Angebote – von kompakten Camera-Acting-Workshops bis zu Schauspiel-Retreats (7 bis 14 Tägige Schauspiel-Intensivkurse wie die Winterakademie und die Sommerakademie), die sich auf Filmschauspiel und psychologische Rollenentwicklung konzentrieren. Auch die Meisner-Technik spielt dabei eine zentrale Rolle – mit Übungen zu Präsenz, Reaktion, emotionaler Wahrhaftigkeit und dem Zuhören, das Subtext besonders lebendig macht.

Neben Workshops und Retreats besteht auch die Möglichkeit zum Einzelcoaching (auch im Camera Acting) – mit Fokus auf Subtext, emotionaler Klarheit und psychologischer Figurenarbeit.

Weiterführende Artikel

Diese Beiträge vertiefen verschiedene Aspekte von Filmschauspiel, Camera Acting und psychologischer Figurenarbeit:

Häufige Fragen (FAQ) zu Subtext im Filmschauspiel

Was ist Subtext im Filmschauspiel genau?

Subtext ist alles, was eine Figur wirklich meint, will, fürchtet oder verbergen möchte – auch wenn der gesprochene Text etwas anderes sagt. Er entsteht aus Ziel, Beziehung, Bedürfnis, Wunde, Maske, Abwehr und der dramaturgischen Position der Szene im Drehbuch und bildet die Tiefenstruktur unter der inhaltlichen Ebene.

Wie kann ich als Schauspieler:in Subtext konkret vorbereiten?

Subtext wird vorbereitet durch Drehbuchanalyse, Figurenarbeit und klare Entscheidungen: Was ist mein Ziel? Was kann ich gewinnen oder verlieren? Was darf niemand sehen? Wie ist meine Beziehung zum Gegenüber? Welche Wunde und welches Bedürfnis arbeiten darunter? Modelle wie Susan Batsons Public Persona, Need und Tragic Flaw helfen, diese Ebenen zu strukturieren.

Spiele ich Subtext bewusst – oder entsteht er von allein?

Subtext entsteht nicht zufällig. Er baut sich aus bewusster Vorbereitung auf: Ziel, Beziehung, Wunde, Maske, Verhalten, Doings, Blickführung, Tempo, Pausen. Vor der Kamera wird er sichtbar, weil diese Entscheidungen sich in Stimme, Körper und Reaktionen zeigen. Man spielt nicht Subtext als Extra, sondern arbeitet so, dass die inneren Vorgänge wirklich stattfinden.

Worin unterscheidet sich Subtext im Film von Subtext auf der Bühne?

Im Film arbeitet die Kamera im Close-up und liest kleinste Mikroreaktionen, Atem und Blickwechsel. Subtext braucht hier keine große äußere Form, sondern klare innere Konflikte und präzise, oft minimale Verhaltensentscheidungen. Auf der Bühne muss Subtext dagegen stärker getragen werden, damit er im Zuschauerraum ankommt.

Kann Subtext auch in Stille, Bewegung oder Verhalten (Doings) liegen?

Ja. Subtext kann in Schweigen, Vermeidung eines Blicks, in einem scheinbar nebensächlichen Verhalten (Doing), in einer plötzlichen Erstarrung oder in einem zu betonten Tätigsein liegen. Näherkommen, Weggehen, Abwenden, etwas zu genau tun oder etwas nicht zu tun kann Subtext sichtbar machen, ohne dass sich der gesprochene Text ändert.

Wie arbeitest du mit Schauspieler:innen an Subtext?

In Coachings, Workshops und Akademien arbeite ich mit Drehbuchanalyse, Figurenbiografie, Beziehungsklärung und konkreten Subtext-Entscheidungen. Im Zentrum stehen Ziel, Need, Wunde, Maske und Tragic Flaw der Figur, die in spielbare Mittel wie innere Bilder, Doings, Blickführung, Tempo, Pausen und körperliche Reaktionen übersetzt werden.